Emotionaler Ausnahmezustand bei Jugendlichen vor dem Start ins Berufsleben

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Im letzten Blog habe ich Ihnen die Situation der Eltern beschrieben, die uns unter anderem dazu bewegt hat, unser neues Projekt „Wirtschaft erfrischend anders zu leben“ ins Leben zu rufen.

 

Der Start ins Berufsleben

In diesem Blog schauen wir uns die aktuelle Situation der Kinder an, die vor dem Start in das Berufsleben stehen. Viele Kinder erkennen noch nicht die große Herausforderung, wenn es darum geht, sich für einen Beruf und damit einhergehend für einen Arbeitgeber zu entscheiden.

Was meine ich damit? Immer wieder erlebe ich in Gesprächen mit Jugendlichen, dass diese die Arbeit heute nicht mehr als „so wichtig“ einstufen. Es ist ihnen zwar klar, man muss arbeiten, um sich vereinfacht gesagt das Leben leisten zu können. Gleichzeitig sind sie aber durch eine Wohlstands- und Erbengesellschaft geprägt. Das bedeutet in den letzten zwei Generationen wurde noch nie so viel Geld wie zuvor auf dieser Welt vererbt.

Keiner in Österreich und Deutschland wird abstreiten, dass die meisten Menschen in diesen Ländern den Wohlstand seit vielen Jahrzehnten genießen. Das Wunderschöne dabei ist, dass viele Kinder durch diesen Wohlstand sehr behütet aufwachsen und ihnen ihre Eltern, die Großeltern, Bekannte und Freunde viele schöne Dinge auf dieser Welt ermöglichen. Von tollen Ausflügen, Urlauben bis zu den neuesten Hightech-Geräten genießen heute die Kinder eine große Bandbreite an vielen schönen Dingen.

 

Die Entwicklung – Veränderungen

Das Internet mit seinen vielen Möglichkeiten führte zusätzlich dazu, dass Kinder heute ganz anders leben, vernetzt sind und Angebote in Anspruch nehmen können als dies zB bei mir der Fall war. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich das erste Mal vor über 20 Jahren das Internet präsentiert bekommen habe. Viele Unternehmer und ich waren über dieses neue Medium erstaunt. Wir waren jedoch darüber überrascht, wie schlecht dieses Ding funktionierte. Wie langsam es war. Alles war Neuland und gleichzeitig haben wir nicht erkannt, dass dieses Medium wie kein anderes das Leben weltweit verändern wird.

Heute wissen wir, es ist das rasanteste Medium mit all seinen Nebenschauplätzen. Es hat unsere Kommunikation und das Zusammenleben auf dieser Welt komplett nachhaltig verändert.

 

Den Fokus nicht verlieren

Die Kinder und Jugendlichen wachsen mit dem Internet und den damit verbundenen Möglichkeiten heute ganz selbstverständlich auf und genießen sie. Gleichzeitig wird dadurch der notwendige Blick auf das Wichtige im Leben verstellt. Ich bin kein Spaßverderber! Ganz im Gegenteil! Ich finde es toll, was heute das Medium Internet bietet. Trotzdem warne ich davor, dass man bei der Kindererziehung und bei der Vorbildfunktion in der Gesellschaft auch den Jugendlichen aufzeigen muss, was noch alles auf der Welt wichtig ist.

 

Was meine ich mit dieser Aussage: „Im Internet ist alles schön. Es wird eine heile Welt vorgespielt, die Unterhaltung steht im Vordergrund.“ Nehmen Sie nur die mittlerweile für viele Kinder, großen Vorbilder namens Influencer. Dies sind vereinfacht gesagt Menschen, denen es gelingt teilweise Millionen von Fans zu haben. Menschen, die ihren Videos, Statements, Fotos uvm. folgen. Sie prägen Millionen von Menschen und beeinflussen diese und sind somit oft schon mächtiger als Parteien, als Regierungen und interessanterweise auch zB TV-Sender oder klassische Medien wie Tageszeitungen, Wochenzeitungen uvm.

Wenn ich dann mit Unternehmern spreche, dass solche oft sehr jungen Menschen  mit 15, 16 Jahren ihre Karriere aus dem Nichts aufbauen und schon oft mit 18, 19 Jahren € 50.000, € 60.000 und mehr endversteuert verdienen, staunen auch die Unternehmer nicht schlecht. Was machen vereinfacht gesagt solche Influencer, die man oft gerne auch als YouTuber, Blogger uvm. bezeichnet? Sie präsentieren zu Themen, Herausforderungen oder einfach was Menschen wichtig ist, ihre persönliche Sichtweise. Sie zeigen auf, wie man zB mit Geräten umgeht, man sich optimal schminkt, welche Mode gerade in ist, wie sie wirkt, machen Spaßvideos, Actionvideos uvm. Sie haben Millionen von Fans und das zieht die Firmen an, die diese Plattformen als optimalen Werbekanal nutzen wollen. Sie können dazu auch gerne Kommunikationskanal oder Präsentationsplattform sagen. Im Kern geht es aber genau darum, dass ein Mensch viele Freunde hat, die offensichtlich von dem, was der über seinen Kommunikationskanal tut, begeistert sind. Präsentiert eine bestimmte Bloggerin hier Kosmetika, ist es für eine Kosmetikfirma die optimale Möglichkeit, ihre Produkte rund um die Botschaften dieser Bloggerin zu präsentieren. Für die Klicks oder ähnliche Kooperationen gibt es oft nur einige Cents pro Klicks, aber bei Millionen Klicks über Monate kommt ein  stolzes Einkommen zustande.

So vereinfacht präsentiert sich die neue Welt vielen Jugendlichen. Die Castingshows, die Meldungen über Startup-Unternehmen uvm. zeigen noch zusätzlich Jugendlichen auf: „Das musst du machen, so musst du werden, dann hast du ein tolles Leben. Du hast viele Fans die dir folgen. Du bist ein Superstar. Du verdienst viel Geld. Du kannst dir die teuersten und schönsten Dinge des Lebens leisten.“

Viele dieser Jugendlichen übersehen dabei ein: „Es sind nur wenige, die diesen Status erzielen!“ Klar ist es verlockend, dass man selbst zu diesen Auserwählten gehört. Natürlich ist es wunderschön, wenn man als Jugendlicher glaubt, man kann es auch schaffen.

  • Man kann sehr einfach und in den meisten Fällen kostenlos ein eigenes Account in einem sozialen Netzwerk erstellen.
  • Man kann heute schnell mit dem Handy ein Video drehen.
  • Man kann umgehend Botschaften absetzen.
  • Man kann in einer Gruppe von einigen Freunden auch gemeinsam viel Lustiges, Spaßiges oder Tolles präsentieren und bekommt damit auch Freunde, die einem folgen.

In dieser Phase sind Jugendliche von den Eltern und auch von den Unternehmen schwer zu erreichen, wenn es darum geht, einen tollen Beruf zu erlernen, der auf den ersten Blick nicht so verlockend aussieht.

 

Welcher Beruf ist sexy?

Wie erklärt man einem Jugendlichen bei der Berufswahl, dass er eine Lehre beginnen soll? Eine Lehre, die nicht so sexy rund um die Themen Einkommen, Arbeitsaufwand, Engagement uvm. klingt, als die von mir vorher beschriebenen Influencer und somit Internet-Stars.

Natürlich wissen die meisten Jugendlichen, dass sie bei einer Firma eine Ausbildung anfangen müssen, die wahrscheinlich ihr Berufsstart sein wird. Andere sagen, ich gehe studieren und schaue, dass ich dann einen guten Beruf bekomme. Gerade die im Volksmund so gerne genannten bodenständigen Angebote von Unternehmen sind auf den ersten Blick nicht so attraktiv wie andere Angebote. Beim Studierenden meinen viele: Wenn ich fertig bin, bekomme ich ein tolles Gehalt. Stimmt in der Praxis auch nicht immer, aber es ist nun einmal so der Gedanke. Viele Eltern vertreten dann eine, seit dem Zweiten Weltkrieg noch immer stark verankerte Meinung, die sinngemäß lautet: „Meinem Kind soll es einmal besser gehen!“ Damit signalisieren sie ihrem Kind, dass es ihnen nicht so gut geht. Das sagen übrigens auch Eltern, wo beide arbeiten, sehr gute Berufe haben und auch ein gutes Einkommen verdienen. Hört dies ein Jugendlicher in dieser emotional schwierigen Phase der Pubertät bei seiner Entscheidung für einen Beruf, wird er nach dem bestmöglichen streben.

Dies führt dann dazu, dass es heiße Diskussionen mit dem Jugendlichen gibt. Denn viele Eltern leben vor, dass die normale Arbeit gar nicht sexy ist. Gleichzeitig sieht der Pubertierende  – wie vorher beschrieben – Influencer und Co., die mit wenig Aufwand schnell viel Geld verdienen. Klar, spricht man mit diesen YouTube Stars und Co. = Influencern, zeigen die sehr wohl auf, dass damit sehr viel Arbeit verbunden ist. Man kennt es aus dem eigenen Leben, dass man solche Aussagen nicht so gerne hört. Man bleibt lieber bei dem schön gezeichneten Bild des Erfolges, der leicht erreichbar ist.

In einem solchen Zustand haben die Eltern mit Sicherheit alle Hände voll zu tun, ihrem Kind das aus ihrer Sicht

  • das normale Arbeiten,
  • die Berufswelt und
  • am Anfang zumindest einmal ein gewöhnliches Leben

schmackhaft zu machen.

Die Kinder sehen das nicht so und schon sind heiße Dialoge und Widerstände vorprogrammiert.

Viele Eltern – wie Sie auch meinem vorigen Blog entnehmen können – haben ihre Situation noch zusätzlich erschwert, weil sie oft als negatives Vorbild über die Ungerechtigkeit, schlecht bezahlte Jobs, böse Unternehmen uvm. jammern. Somit geben sie den Jugendlichen erst recht einen Antrieb, sich mit dem Gedanken keiner normalen Arbeit auseinanderzusetzen.

Wie katastrophal der Zustand schon ist, beweisen mir immer wieder Dialoge mit Jugendlichen wo ich dann sage: „Okay, Ihr findet einen Job nicht wichtig? Wovon wollt Ihr leben? Was ist, wenn Ihr mit einer schlechten Ausbildung keinen guten Job bekommt?“ Die Jugendlichen antworten sinngemäß: „Herr Panhölzl, das sehen Sie falsch. Wir wollen heute Work-Life-Balance leben. Arbeit ist für uns nur noch ein Teil des Lebens und nicht das Wichtigste. Wir wollen vielmehr das Leben erleben. Statussymbol wie Autos und Co., die viel Geld kosten brauchen wir auch nicht mehr. Wir wollen mehr vom Leben haben und da ist die Arbeit nur ein kleiner Teil. Wenn es sich gar nicht ausgeht, Herr Panhölzl, wir keinen Job bekommen, weil wir keine gute Ausbildung haben, weil unser Engagement nicht passt uvm., dann muss uns der Staat erhalten – ganz einfach.“

Ich war anfangs sehr schockiert, wie ich diese Aussagen hörte. Ich möchte betonen, die Jugendlichen meinen das bitter ernst. Es ist nicht eine Floskel, die sie einfach rauslassen. Sie sind der Meinung, dass es letztendlich  nicht so schlimm kommen wird. Denn wenn gar nichts bei ihnen läuft, muss es der Staat richten. Ich versuche den Jugendlichen immer wieder zu erklären, dass der Staat selbst gar nichts richten kann. Er kann nur Geld verteilen, was er über Steuern einnimmt. Diese Einnahmen generieren die Menschen, die arbeiten. Die Firmen, die am Markt sind. Ich vermittle ihnen das in einer bestimmten Art und Weise und siehe da, die vermittelte Sichtweise beginnt sich zu setzen und es kommen Aussagen wie: „Das habe ich nichts gewusst uvm.“

 

Jeder Einzelner muss sich seiner Vorbildfunktion bewusst sein

Sie sehen eine hochgefährliche Entwicklung, die hier nur auszugsweise wiedergegeben werden kann. Die Jugendlichen sind heute oft in einem extrem emotionalen Ausnahmezustand, wenn es darum geht sich mit der eigenen Zukunft und den damit verbundenen wichtigen Themen: Berufswahl und das Engagements in der Arbeit auseinanderzusetzen. Ihnen werden durch Medien, durch die Eltern, durch Freunde und viele andere Quellen eine oft schöne heile Welt aufgezeigt, die sie anhimmeln, sie forcieren, zu der sie gehören wollen. Gleichzeitig erkennen selbstverständlich auch Jugendliche, dass das System immer mehr Risse bekommt. Sie lesen häufig darüber, dass die erworbenen, wunderschönen Zutaten der Wohlstandsgesellschaft in Gefahr sind. Viele sprechen heute wieder vom drohenden Krieg. Gerade aktuell lesen Sie in den Medien von den sogenannten Handelskriegen, die schon mit Vorboten beginnen zu laufen. Viele haben Angst und meinen: „Herr Panhölzl, wenn es ohnehin schlimmer wird, dann ist es auch egal, was ich tue! Denn es trifft uns sowieso alle.“

Eltern, Unternehmer, die öffentliche Meinungsbildung, Entscheidungsträger und Medien sind daher aufgefordert so schnell wie möglich ihre Vorbildfunktion wahrzunehmen und das Wichtigste zu tun: Der Jugend eine Zukunft aufzuzeigen, für die es sich zu engagieren lohnt.

Wenn ich in Handwerksbetrieben Seminare abhalte, erkenne ich ebenfalls sehr schnell wie toll die Berufe von Mitarbeitern ausgeübt werden. Spreche ich mit jungen Mitarbeitern, bestätigen mir diese: „Ja, der Beruf ist super und er macht Spaß.“ Dies hört man heute sehr selten in der öffentlichen Diskussion, in der öffentlichen Präsentation der Zukunft.

Im Zuge der Vorbereitungen des Projektes habe ich bereits viele Interviews mit Jugendlichen geführt: Live an ihrem Arbeitsplatz und ohne Vorankündigung. Alle haben mir in ihren Aussagen bestätigt: „Vom Handwerksberuf bis zum Dienstleister sind alle Berufe sexy, wenn man es selbst so will.“

Vielleicht werden jetzt einige von Ihnen meinen: „Naja Herr Panhölzl, das klingt auch sehr schön. Doch Sie wissen in der Praxis ist im Beruf nicht alles immer schön“. Ja, Sie haben Recht – Das ist es in der Liebe auch nicht immer! Nur haben Sie auch schon mit Prominenten, mit Superstars, mit den jugendlichen Influencern gesprochen? Diese werden Ihnen bestätigen, dass der nach außen so toll wirkende Beruf, ihr Status, das Geld wunderschön sind, aber auch sie haben Zeiten der Bitterkeit, der Herausforderung erlebt und müssen täglich darum kämpfen, diesen erreichten Status abzusichern. Denn sie wissen eines ganz genau: Heute noch „IN“ kann auch bedeuten: Morgen schon „OUT“. Wenn solche Superstars stürzen, fallen sie hart. Denn sie fallen aus ihrem Leben und können damit schwer umgehen. Das Gleiche trifft auch auf die neuen Möglichkeiten von Prominenz zu wie z. B. die jugendliche Influencer. Diese stehen dann oft vor dem Nichts, weil einige von ihnen tatsächlich keine gute Ausbildung vorweisen können.

Liebe Eltern, lieber Entscheidungsträger, lieber Meinungsbildner wie Journalisten und Co.: Wir müssen uns in der Zukunft 100%ig mit vollem Engagement dafür einsetzen, dass wir den Kindern eine lebenswerte Zukunft und Perspektive aufzeigen, die der Realität entspricht.

 

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